Hi Ostholstein,
vielleicht bringst Du eine wichtige Unterscheidung ein: Arbeiten vs "natürliches Verhalten". Fauser spricht nicht von Hundearbeit im landläufigen Sinn. Er nennt ja nur vier Kommandos: "Hier" (Hund im Abstand von 1 m bei Herrchen, ob er dabei sitzt, liegt oder steht, ist egal), "Frei" (Auflösungskommando), "Tabu" (Ablassen von etwas) und der "Name" als (Aufmerksamkeitskommando).
Das sind ja alles recht natürliche Verhaltensweisen, die sich von komplexen Befehlen, die wir Hunden beim Arbeiten geben, auch wenn diese sich an natürlichem Verhalten orientieren (zB Fährtensuchen oder Hüten) unterscheiden. Und selbst hier wendet er ja in der Lernphase Belohung an, nur eben später nicht.
Ich denke auch, dass Hunde sich hier von Wölfen unterscheiden, weil sie seit Jahrtausenden mit dem Menschen in Sozialgemeinschaften leben. Und doch baut vieles, was wir Hunden beibringen ja auf dem Verhalten des Wolfes auf. ZB: Wäre der kein Jäger, würden wir es schwer hinbekommen, Hunde Fährten suchen oder Schafe hüten zu lassen. Aber die oben genannten basalen Befehle/Verhaltensweisen haben Hund und Wolf schon gemeinsam. Und vielleicht basieren die eben (auch) mehr auf der Beziehungsebene als komplexere Befehle in der Hundearbeit. Dass ein kleiner Wolf schnell lernen muss, dass er dort bleibt, wo Mama es ihm gesagt hat, dass er sich nicht (zu weit) von der Gruppe entfernt, dass er, wenn Mama oder Papa das sagen, aufhört, dieses oder jenes zu tun oder dass er darauf reagiert, was Mama oder Papa sagen - all diese Dinge können überlebenswichtig für den Kleinen sein. Vielleicht "sitzen" daher diese Verhaltensweisen so tief, dass man bei ihnen eher auf die Beziehungsebene setzen kann als bei der Hundearbeit.
Noch was zum Egoismus: Natürlich kann man Hunde als Egoisten bezeichnen. In unserer durchkapitalisierten Welt erscheint uns ja alles und jeder als Egoist. Es gab vor ein paar Jahren sogar dieses lustige, aber unsinnige Buch, nach dem Gene egoistisch sein sollen. Dass wir das so interpretieren, liegt aber nicht daran, dass dem in der Realität so wäre, sondern an unserem Blick auf die Welt, den wir uns in einer durch und durch kapitalisierten Welt angeeignet haben. Hatte oben versucht, das mit Blick aus das, was geschieht, belohnen und bestrafen wir das Individuum, zu skizzieren.
In den letzten Jahren rückt aber eine andere Perspektive mehr in den Vordergrund, bei der sowas wie altruistisches Verhalten durchaus vorkommt. Wenn man Darwin falsch oder nur partiell liest, kann man den Eindruck, dass alles irgendwie auf Egoismus aufbaut, dass nur der Fitteste als Individuum überlebt, indem er "seine" Gene weiter gibt, gewinnen. Aber das Leben ist so unendlich viel komplexer. Das gilt für die Biologie, die Soziologie, aber auch die Physik. Hat man eine analytische Perspektive oder eine holistische? Versucht man, die Dinge zu verstehen, indem man nur auf immer kleinere Individuen oder Objekte schaut? Oder versteht man das Ganze nicht viel besser, wenn man auch auf das Ganze (den Prozess des Lebens, Erziehung als Beziehung, etc.) schaut?
Wie wir also das Verhalten von Tieren, Menschen (oder gar Teilchen) verstehen, hängt vor allem von unserer Perspektive ab. Und die wiederum bestimmt unsere Vorstellung von einer richtigen Erziehung.
Liebe Grüße
Lupus