Zuerst einmal: Das Röntgen von Hüfte und Ellenbogen im Alter von 1 bis 2 Jahren stellt lediglich eine Prognose für die Zukunft dar. I.d.R. haben die Hunde in diesem Alter (noch) keinerlei Probleme mit ihren Gelenken, das Röntgen erfolgt prophylaktisch für die Zuchtzulassung. Und da man nun seit ca. 50 Jahren röngt gibt es Erfahrungswerte in Bezug darauf wie die Hüften von Hunden in jungen Jahren aussehen, die früher oder später Probleme damit bekommen, oder auch nicht. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das immer bei allen Hunden so ist. Es gibt Hunde mit im Röntgenbild wirklich schlimmen Hüften, die nie oder erst sehr spät in ihrem Leben klinische Symptome einer HD zeigen. Und dann gibt es auch Hunde, die mit 1 bis 2 Jahren tolle Hüftgelenke haben, bei denen sich später aber trotzdem eine Arthrose entwickelt und die deswegen dann an klinischen HD-Symptomen leiden. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund mit schlecht entwickelten Hüften später an einer HD leiden wird, ist signifikant grösser als dass das bei ein Hund mit gut entwickelten Hüftgelenken der Fall sein wird.
Von daher kann man nicht behaupten dass ein Schäferhund mit einer "fast normalen" Hüfte ( = B-Hüfte, nach FCI-Klassifizierung) nie Probleme mit seiner Hüfte bekommen wird. Aber die Wahrscheinlichkeit liegt nicht höher als bei einem Hund mit einer "normalen" Hüfte (= A-Hüfte, nach FCI-Klassifizierung). Selbst eine "noch zugelassene" Hüfte ( =C-Hüfte, nach FCI-Klassifizierung) bringt einen Hund, der von Grösse und Gewicht dem Standard des Deutschen Schäferhundes entspricht, i.d.R. keinerlei Probleme (sonst würde z.B. die Polizei Hunde mit solchen Hüften ja nicht ankaufen).
Man muss auch bedenken dass die FCI-Klassifizierung der Hüften über die Jahre mehrmals angepasst, also verschärft wurde. Wenn man alte Zuchtbücher liest mit Hüftbefunden z.B. auf den 80er Jahren, dann würden viele Hunde, die damals eine "normale" Hüfte hatten, diesen Befund heute nicht mehr erhalten. Z.B. war die A-Hüfte einer Hündin, die ich 1995 gezüchtet habe, definitiv nicht besser als die C-Hüfte meiner Hündin, die 2012 geboren worden war (eher schlechter).
Wobei das alles bei Hunden, die grösser und schwerer als ein DSH sind, anders sein kann. Wenn ein Hund 80 kg wiegt, dann kann eine C-Hüfte durchaus problematisch werden. Andererseits haben viele kleine Rassen HD (z.B. Möpse oder Australische Terrier), werden aber zuchthygienisch diesbezüglich nicht selektiert, weil sie aufgrund ihres geringeren Gewichtes nicht an klinischen HD-Symptomen leiden. Hier mal ein Link zur Orthopedic Foundation for Animals, in der in den USA seit 1974 die HD-Daten der einzelnen Hunderassen (und der Maine Coon Katze) erfasst werden. Der Mops steht auf Platz 2 (jahrelang stand er an der Spitze der HD-Statistik), andere kleine Rassen wie der Norfolk Terrier oder die Französische Bulldogge liegen auf Platz 15 bzw. 21. Die Main Coon Katze liegt auf Platz 26, der DSH folgt nach Welsh Corgie Cardiganshire und Shih Tzu (alles Rassen, die man mit HD gar nicht in Verbindung bringt) erst auf Platz 40.
http://www.offa.org/stats_hip.html
Von daher muss man bei der Prognose, ab welchem HD-Grad man bei einem Hund verstärkt mit HD-Symptomen rechnen muss, immer die Rasse bzw. Grösse und Gewicht eines Hundes mit einbeziehen. Einem 9 kg-Hund sieht man seine schwere HD zeitlebens nicht an, während ein 90 kg-Hund bereits frühzeitig mit einer leichten HD (das wäre ein "noch zugelassen" bzw. eine C-Hüfte) zu kämpfen haben kann. Und das ist übrigens mit ein Grund warum der DSH wieder zu der Grösse zurückgeführt werden sollte, die in seinem Standard steht, mit einem dieser Grösse angemessenen Gewicht. Denn die übergrossen Hunde sind natürlich auch entsprechend schwer, was dann eher zu Problemen führt wenn ein Hund eine nicht so tolle Hüfte hat.
Eine "fast normale" Hüfte ( = B-Hüfte) wird lt. FCI-Klassifizierung übrigens als "Übergang" bezeichnet. Erst die C-Hüfte ( = "noch zugelassen") ist eine leicht Form der HD.