Ich fürchte, ich spamme Euch mit meinen Gedanken sehr zu ... aber seht es mir bitte nach, denn zum einen merke ich auch, wie mir beim Aufschreiben vieles bewusster und klarer wird, aha-Erlebnisse einfließen und ich das Geschehene sortieren kann, ohne die Emotion, die mich sehr beeinflusst, während ich in der Situation bin, die ich beim Schreiben aus der Distanz und ohne die Emotion noch einmal reflektieren kann.
Auf der anderen Seite ist dieses "Tagebuchschreiben" vielleicht dem einen oder anderen eine Hilfe, wenn er in einer ähnlichen Situation ist und den Knoten im Kopf nicht lösen kann, der den passenden Weg blockiert. Vielleicht trösten meine Worte auch jemanden, der manchmal genauso frustriert ist wie ich, wenn gar nichts zu gehen scheint.
Aber auch ich werde vielleicht in der Zukunft nachlesen, wann etwas anfing, was gut klappte, wo ich Lösungswege fand oder vielleicht werde ich beim Lesen dann denken: "Echt? So katastrophal waren wir mal unterwegs. Na dann haben wir ja doch was erreicht!"
Genau das riet mir heute auf dem Hundeplatz nämlich der Trainer: "Stell nicht immer den Gedanken allem voran, was gerade mal nicht klappt, sondern reflektiere, was schon alles super klappt und was Du mit Deinem Hund schon erreicht hast - der Gedanke gibt ein gutes Gefühl und genau das ist wichtig, wenn Du mit Deinem Hund arbeitest."
... ich hatte nämlich, als er heute sagte: "Jetzt hat das aber doch super geklappt!" etwas frustriert geantwortet: "Heute sind wir eher eine Vollkatastrophe!"
Aber es ging auch schon heute Früh auf der Morgenrunde los, dass Chia ganz eigene Ideen entwickelte und mich gepflegt ignorierte.
Selbst das Revieren, an das sie mich sogar erinnert, wenn ich es mal nicht verlange, ging total in die Hose ... Chia saß neben mir, schaute mich an, wartete gespannt auf mein Kommando REVIER! und fetzte dann auch sofort los, als ich sie schickte. Allerding hüpfte sie nach einer halben Runde auf die Brunnenabdeckung und rannte über diesen Weg zu mir zurück. Dann saß sie vor, starrte mich an und ich schwöre, ihr Blick sagte: "Da staunste näh! Wärste selber nicht drauf gekommen, dass es ne Abkürzung gibt. Hab ich Dir aber gerne gezeigt - dafür haste ja so einen schlauen Hund wie mich!."
Auf dem Heimweg dachte ich noch, dass wenn es morgens so schief geht und mein Hund sich mal wieder in Ignoranz übt, sie wahrscheinlich auf dem Hundeplatz dafür Glanzleistungen absolviert ... die Probe vor der Premiere muss ja auch schlecht laufen, damit die Premiere ein Erfolg wird.
Also marschierte ich voller Zuversicht auf dem Hundeplatz ein und von dem Moment an war Chia so richtig "out of order". Bitte verzeiht mir, dass ich in dem Moment an Lyssi dachte und daran, wie einfach und unkompliziert sich immer alles bei ihr anfühlte. Ich will Chia keinen Vorwurf machen, dass sie nicht wie Lyssi ist, aber so ein bisschen verhagelte mir Chia schon die Laune.
Dabei pöbelte sie nicht direkt - zumindest nicht so, wie ich das als sehr, sehr anstrengend empfand, weil sie dabei stets so ausrastete, dass sie nicht mehr ansprechbar war - aber sie bellte ... und bellte ... und bellte.
Als ich auf den Junghundetrainingsplatz kam, wollte ich mich bei der Trainerin anmelden und da sagte sie: "Dich habe ich doch schon lange eingetragen ... Chia war nicht zu überhören." Sie sagte das als Scherz und mit einem Lächeln, aber sie traf damit leider auch meinen besonders wunden Punkt.
Nach dem Warmlaufen wurden die Hunde abgeleint und sofort begann Chia zu hüten.
Der Tipp: "Nimm sie kurz raus aus der Situation, lass sie runterkommen und lass sie dann weiterspielen, wenn sie wieder ganz bei Dir ist", hatte ich vermutlich nicht in Perfektion umsetzen können, denn Chia war nicht bei mir und wäre es auch nach einer Stunde nicht gewesen, denn Chia bellte. Chia starrte. Chia kam nicht zur Ruhe.
Leckerchen waren ihr egal, Ball und Hasenfelldummy mit Quietscher wurden ignoriert und mein Versuch, sie wenigstens ins "Sitz" zu nötigen, scheiterte total. Ich fühlte mich derart von ihr vorgeführt, dass ich sie am liebsten ins Auto gepackt und dort den Rest des Tages über ihre Einstellung hätte nachdenken lassen wollen.
Bevor mein Frustrationspegel ins Minus absinken konnte, sollten die Hunde wieder angeleint werden und die Gruppe wurde aufgeteilt.
Wir durften zu einem neuen Trainer - und das war gut. Nicht dass ich an unserer sonstigen Trainerin irgendwas nicht gut finden würde - sie schätzte Chia ja sofort richtig ein -, aber in ihrem Training gibt es ordentlich Action und die Hunde, die wie Chia sowieso schon ziemlich aufgedreht sind, gehen da gerne mal über die Uhr.
Mit dem neuen Trainer verließen wir als erstes den Hundeplatz, weil er meinte, dass er mit uns nun erst mal ohne Ablenkung trainieren möchte. Wir marschierten also einzeln und zusammen mit dem Trainer den Waldweg hoch und runter und der Trainer lief immer neben einem von uns Vieren her, um Tipps für Fuß gehen, wenden, kehren und lockeren Leinelaufen zu geben.
Dann liefen wir zum Sportplatz, wo wir auf dem Parkplatz ein bisschen Ruhe übten und der Trainer Fragen beantwortete - das machte er auch wirklich super. Man merkt, dass er viele Kurse besucht und da auch immer was für sein Training daraus mitnimmt, denn was er sagt, klingt logisch und zu meinem Erstaunen kam Chia wirklich komplett runter und konnte sich plötzlich auch auf mich konzentrieren.
Dann ging es auf den Schotterweg, wo jeder von uns einmal hoch und einmal runter laufen sollte und zwar mit Tempowechsel und Wechsel zwischen Fuß und Leine - also dem lockeren Nebenhergehen. Danach gabs sogar für Chia und mich ein Lob und eben die Ansage, dass ich mich und meinen Hund nicht unter Erfolgsdruck setzen soll, sondern es wichtig für unser Beider Motivation ist, dass ich das Erreichte feiere und nicht über das Unerreichte Trübsal blase.
In der Pause hatten wir dann auch wieder sehr gute Gespräche und als dann Zwei aus der Gruppe meinten, dass sie nicht mehr zum Spielen kommen, meinte der Trainer, dass ihm das gerade wichtig wäre, zu sehen, wie die Hunde miteinander agieren, um sie besser einschätzen zu können.
Chia fing beim Spielen wieder mit dem Hüten an und ich nahm sie dann auch aus dem Spiel, ließ sie runter kommen und schickte sie dann wieder los.
Vermutlich hätte ich nach über einer Stunde Training den konzentriert mitarbeitenden Hund gehabt, den ich mir zu Beginn des Trainings so sehr gewünscht hätte, denn als die anderen Hunde müde wurde, war Chia gut aufgewärmt und voller Tatendrang.
Sie konnte heute sogar ein paar Schlabberer Wasser trinken und sie bellte auch nicht mehr alle Hunde an ... und ich überlegte, ob ich den Morgenspaziergang abkürze, damit es Chia zusammen mit dem Hundeplatz nicht zuviel wird. Statt dessen müsste ich vermutlich vor dem Training zwei Stunden mit ihr laufen gehen, damit sie die Betriebstemperatur erreicht, mit der sie motiviert mitarbeiten kann.
Im Grunde war das Training also richtig erfolgreich ... aber ich bin dennoch nicht so zufrieden und versuche, mir den Rat des Trainers zu Herzen zu nehmen, uns nicht daran zu messen, was wir nicht erreichten, sondern an dem, was wir erreichten. Allerdings war das heute nicht so viel. Auf der anderen Seite war es wahrscheinlich doch viel, weil ich jetzt weiß, wie ich Chia runterbringe und ihre Aufmerksamkeit bekomme.
Übrigens hatte ich von einem blonden Labrador die ungeteilte Aufmerksamkeit. Der wollte mir gleich mehrfach mein Felldummy klauen und ich gebe zu, dass ich sein Herrchen beneidete, weil der mit Leckerchen in der Futterhand einfach alles von seinem Hund verlangen kann.
Am Ende habe ich dann noch mit Sylvia gesprochen, die dann auch meinte, dass man es natürlich mit einem verfressenen Labbi leichter hat, aber ich doch mit einem Labbi an der Leine gar nicht glücklich wäre.
Ihr Verdacht, dass meine leckerchen vielleicht nicht toll genug sind, bestätigte sich aber nicht ... sie fragte, ob sie Chia eins ihrer Leckerchen geben dürfte, weil alle Hunde die grandios finden. Natürlich hat Chia das Leckerchen nicht genommen, denn da ist sie einfach nicht verfressen genug, als dass sie sich mit Keksen ködern lässt.
Ich habe Sylvia dann auch noch ein klitzekleines bisschen mein Leid geklagt, dass ich halt mit Lyssi das Gegenteil von Chia hatte und es doppelt schwer ist, Chia gegenüber nicht unfair zu sein, indem ich Vergleiche ziehe, aber es eben sehr schwer fällt, mich auch auf Chia einzulassen, die es mir nie so leicht machen wird, wie Lyssi das tat ... und dann kullerten bei uns mal wieder die Tränen.
Chia ist Chia. Das muss ich mir verinnerlichen. Ich muss nehmen, was sie mir anbietet und darf ihr nicht den Vorwurf machen, dass ich in ihr keine Lyssi finde ... aber es wäre ein bisschen leichter, wenn Chia nicht ganz so unkooperativ wäre und mir nicht so deutlich zeigen müsste, dass ich so ziemlich das Unspannendste bin, was sich Frau Hund vorstellen kann.